Großangelegte Katastrophenschutzübung im Industriepark Gersthofen

17.10.2026
Feuerwehr

Rund 500 Beteiligte trainieren den Ernstfall

Vom Chlorgasaustritt bis zum simulierten Flugzeugabsturz: Fünf Einsatzstellen fordern Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Polizei und Katastrophenschutz.

Ein Gefahrstoffaustritt, ein Flugzeugabsturz, zahlreiche Verletzte, Brände und beschädigte Industrieanlagen: Was zunächst als Inspektionsübung der Werkfeuerwehr begann, entwickelte sich am Samstag zu einer umfangreichen Katastrophenschutzlage mit fünf unterschiedlichen Einsatzstellen im Industriepark Gersthofen. Rund 500 Beteiligte, darunter Einsatzkräfte verschiedener Feuerwehren, der Werkfeuerwehr, des Technischen Hilfswerks (THW), des Rettungs- und Sanitätsdienstes, der Polizei sowie zahlreiche Verletztendarsteller, waren an der groß angelegten Vollübung des Landkreises Augsburg beteiligt. Ziel war es, neben der Bewältigung anspruchsvoller Schadensereignisse insbesondere die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Einsatzorganisationen und Führungsebenen unter realitätsnahen Bedingungen zu trainieren.

Inspektionsübung der Werkfeuerwehr als Ausgangspunkt

Den Auftakt der Übung bildete ein simulierter Gefahrstoffaustritt an einem 500 Kilogramm schweren Chlorgasbehälter. Im Rahmen der Inspektionsübung musste die Werkfeuerwehr den Austritt des Gefahrstoffs bekämpfen und verschiedene technische Maßnahmen zur Gefahrenabwehr durchführen. Zunächst galt es, die austretenden Chlorgasdämpfe mithilfe von Lüftern und Wassernebel zu verdünnen. Anschließend ging ein speziell ausgerüsteter Trupp unter Chemikalienschutzanzügen (CSA) vor, um eine Chlorgasschutzhaube auf dem undichten Behälter anzubringen. Im weiteren Verlauf wurde der Behälter in ein Gebäude mit entsprechender Absaugeinrichtung verbracht. Die verbliebenen Chlorgasdämpfe wurden mittels eines Natronlaugewäschers neutralisiert.

Diese anspruchsvolle Ausgangslage bildete den Beginn einer Übung, deren weitere Ereignisse schrittweise aufeinander aufbauten und schließlich in einer komplexen Katastrophenschutzlage mündeten.

Fünf Einsatzstellen, eine komplexe Gesamtlage

Im weiteren Verlauf wurde ein Flugzeugunglück im Bereich des Industrieparks angenommen, aus dem sich mehrere unterschiedliche Schadensereignisse entwickelten. Die Einsatzkräfte mussten an fünf Einsatzstellen teilweise parallel umfangreiche Maßnahmen durchführen.

Einsatzstelle 1 - Gebäudebrand im Bereich der Wasseraufbereitung

Im Bereich des Wasserhauses beziehungsweise der Wasseraufbereitung wurde ein Brand mit mehreren vermissten Personen simuliert. Die Einsatzkräfte mussten neben der Brandbekämpfung das Gebäude nach vermissten Personen durchsuchen und umfangreiche Menschenrettungsmaßnahmen durchführen. Eine besondere Herausforderung stellte dabei die Rettung von Personen aus Höhen und Tiefen dar. Hier waren neben den klassischen Aufgaben der Brandbekämpfung insbesondere spezielle Fähigkeiten und Ausrüstung zur technischen Rettung gefordert.

Einsatzstelle 2 - Beschädigte Rohrbrücke mit Salzsäureaustritt

Durch das angenommene Schadensereignis wurde eine Rohrbrücke innerhalb des Industrieparks beschädigt. Zusätzlich kam es zu einem simulierten Austritt von Salzsäure. Damit waren die Einsatzkräfte nicht nur mit einer beschädigten technischen Infrastruktur konfrontiert, sondern mussten auch die Gefahren durch einen austretenden chemischen Stoff berücksichtigen. Das Technische Hilfswerk war insbesondere bei der Beurteilung und technischen Sicherung der beschädigten Rohrbrücke gefordert. Parallel dazu mussten Maßnahmen zum Schutz der Einsatzkräfte und zur Begrenzung der Gefahrstoffausbreitung mit den zuständigen Einsatzkräften abgestimmt werden. Die Kombination aus technischer Hilfeleistung und Gefahrstofflage erforderte eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Organisationen.

Einsatzstelle 3 - Flugzeugabsturz mit zahlreichen Verletzten

Eine besonders anspruchsvolle Einsatzstelle bildete der simulierte Absturz eines Flugzeugs auf dem Gelände des Industrieparks. Um das Schadensszenario darzustellen, wurde ein Bus als Flugzeugattrappe eingesetzt. Im Mittelpunkt standen die Rettung und Versorgung zahlreicher verletzter Personen. Die Einsatzkräfte mussten sich zunächst einen Überblick über die Anzahl und den Zustand der Betroffenen verschaffen und anschließend umfangreiche Rettungsmaßnahmen einleiten. Während die Feuerwehr für die technische Rettung, die Sicherung der Unfallstelle und die Befreiung eingeschlossener beziehungsweise eingeklemmter Personen verantwortlich war, übernahmen die Kräfte des Rettungs- und Sanitätsdienstes die Sichtung, medizinische Versorgung und den simulierten Abtransport der Verletzten. Eine besondere Herausforderung stellte die enge Abstimmung zwischen Feuerwehr und Rettungsdienst dar. Medizinische Dringlichkeiten und technische Rettungsmöglichkeiten mussten kontinuierlich miteinander abgestimmt werden, um eine strukturierte und möglichst schnelle Versorgung der Betroffenen sicherzustellen.

Einsatzstelle 4 - Essigsäureaustritt und ABC-Lage

Eine weitere Einsatzstelle beschäftigte sich mit einem simulierten Austritt von Essigsäure innerhalb des Industrieparks. Die Einsatzkräfte mussten die Gefahren durch den freigesetzten Stoff beurteilen, den betroffenen Bereich sichern und entsprechende Maßnahmen zur Eindämmung der Gefahrstoffausbreitung durchführen. Dabei kamen speziell ausgerüstete Einsatzkräfte unter Chemikalienschutzanzügen zum Einsatz. Auch die Dekontamination der eingesetzten Kräfte war Bestandteil der Übung. Die Bewältigung dieser ABC-Lage erforderte eine enge Abstimmung zwischen den Gefahrstoffeinheiten, der Werkfeuerwehr und den weiteren beteiligten Einsatzkräften.

Einsatzstelle 5 - Weiterer Flugzeugabsturz auf ein Wohngebäude

Parallel zu den laufenden Einsatzmaßnahmen wurde ein weiterer Flugzeugabsturz auf ein Wohnhaus angenommen. Dieses zusätzliche Schadensereignis wurde insbesondere auf Ebene der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) des Landratsamts Augsburg bearbeitet. Die Führungsverantwortlichen mussten die Auswirkungen der weiteren Schadenslage bewerten, notwendige Maßnahmen koordinieren und die zusätzlichen Anforderungen in die bestehende Gesamtlage integrieren.

Zusammenarbeit der Führungsebenen im Mittelpunkt

Neben der technischen und taktischen Bewältigung der einzelnen Schadensereignisse bildete die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Führungsebenen einen wesentlichen Schwerpunkt der Übung. An den jeweiligen Einsatzstellen koordinierten die zuständigen Einsatzabschnittsleitungen die Maßnahmen der eingesetzten Kräfte und stellten die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen sicher. Die Örtliche Einsatzleitung (ÖEL) war gefordert, die Informationen aus den unterschiedlichen Einsatzstellen zusammenzuführen, Einsatzschwerpunkte zu erkennen und übergreifende Maßnahmen abzustimmen. Unterstützt wurde sie dabei durch die entsprechenden Führungs- und Unterstützungseinheiten. Parallel dazu arbeitete die Führungsgruppe Katastrophenschutz des Landratsamts Augsburg an der Bewältigung der übergeordneten Lage. Eine besondere Aufgabe bestand darin, aus den zahlreichen Einzelmeldungen ein möglichst vollständiges und aktuelles Gesamtlagebild zu entwickeln und die notwendigen Entscheidungen auf den jeweiligen Führungsebenen zu treffen. Auch ein Bürgertelefon wurde im Rahmen der Übung betrieben. Damit konnten zusätzlich die Abläufe zur Information der Bevölkerung und der Umgang mit eingehenden Bürgeranfragen trainiert werden.

Kommunikation als besondere Herausforderung

Eine Katastrophenschutzlage dieser Größenordnung stellt hohe Anforderungen an die eingesetzten Kräfte und insbesondere an die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Organisationen. Fünf Einsatzstellen, zahlreiche beteiligte Einheiten und parallel laufende Maßnahmen erforderten eine kontinuierliche Abstimmung. Eine zentrale Herausforderung bestand darin, den Informationsfluss zwischen den Einsatzstellen, der Örtlichen Einsatzleitung und der Führungsgruppe Katastrophenschutz sicherzustellen. Meldungen mussten zeitnah erfasst, bewertet und an die zuständigen Stellen weitergegeben werden. Gleichzeitig war es notwendig, wichtige Informationen von weniger relevanten Meldungen zu unterscheiden und die Einsatzkräfte mit den für ihre Aufgaben erforderlichen Informationen zu versorgen. Auch die Schnittstellen zwischen Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Polizei und Werkfeuerwehr standen dabei im Fokus.

Die Übung verdeutlichte, dass bei komplexen Katastrophenlagen nicht allein die Leistungsfähigkeit einzelner Organisationen entscheidend ist. Vielmehr kommt es darauf an, dass aus zahlreichen Einsatzkräften und unterschiedlichen Fachdiensten eine gemeinsame, funktionierende Einsatzorganisation entsteht. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Nachgang ausgewertet und können genutzt werden, um Abläufe, Führungsstrukturen und Kommunikationswege weiter zu verbessern.

Gemeinsam für die Sicherheit der Bevölkerung

Großangelegte Katastrophenschutzübungen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Vorbereitung auf außergewöhnliche Schadensereignisse im Landkreis Augsburg. Sie bieten den Einsatzorganisationen die Gelegenheit, ihre Zusammenarbeit unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben und auch Szenarien zu trainieren, die im regulären Einsatzalltag nur selten vorkommen. Neben der technischen Einsatzbewältigung stehen dabei insbesondere funktionierende Führungsstrukturen, klare Zuständigkeiten und der organisationsübergreifende Informationsaustausch im Mittelpunkt. Die Übung im Industriepark Gersthofen verdeutlichte die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen den überwiegend ehrenamtlich tätigen Einsatzkräften, den hauptamtlichen Organisationen und den Verantwortlichen des Katastrophenschutzes.

Der Kreisfeuerwehrverband Augsburg bedankt sich bei allen beteiligten Feuerwehren, der Werkfeuerwehr des Industrieparks Gersthofen, dem Technischen Hilfswerk, den Rettungs- und Sanitätsdiensten, der Polizei sowie den Verantwortlichen und Mitarbeitenden des Landratsamts Augsburg für die Zusammenarbeit. Ein besonderer Dank gilt auch den zahlreichen Verletztendarstellern, den Organisatoren und allen Helferinnen und Helfern im Hintergrund, die mit ihrem Engagement zum Gelingen dieser umfangreichen Übung beigetragen haben. Ebenso gilt der Dank den Verantwortlichen des Industrieparks Gersthofen für die Bereitstellung des Übungsgeländes und die Unterstützung bei der Durchführung.

Denn eines hat diese Übung erneut verdeutlicht:

Im Katastrophenfall können wir nur gemeinsam erfolgreich handeln.